«Orient und Okzident»

Ausstellung
in der Villa Schüpbach
Kunstsammlung Steffisburg
vom 1. bis 29. Juni 2008

Vernissage und Präsentation der neuen Monografie
Samstag, 31. Mai, 17 Uhr

Stefan Haenni: Plakat Ausstellung Steffisburg 2008

Nähere Angaben zu Stefan Haenni auf seiner Webseite:

www.stefan-haenni.ch

 

Ausstellung Stefan Haenni 2008

Unsere Sommerausstellung, die unter dem vielsagenden Titel «Orient und Okzident» steht, verspricht uns in fremde Welten zu entführen. Und in der Tat breitet sich hier eine Welt von Farben und Motiven aus, deren Wärme, Intensität und spielerische Erzählfreude an einen orientalischen Basar denken lässt.

Stefan Haenni ist 1958 in Thun geboren, wurde vorerst Primarlehrer und liess sich dann an der Schule für Gestaltung in Bern zum Gymnasiallehrer für Bildnerisches Gestalten ausbilden. Daran schloss sich ein Zweitstudium in Pädagogik, Psychologie und Kunstgeschichte. Heute lebt Stefan Haenni in Bern und unterrichtet am Gymnasium Thun.

Künstlerisch aufgefallen ist er Ende der achtziger Jahre mit seiner Porträtmalerei. Sie machte ihn durch seine konstante Arbeit, seine einfühlsame Interpretation und die geschickte Auswahl der porträtierten Persönlichkeiten allgemein bekannt. Er zeichnete und malte Historiker und Schriftsteller wie Edgar Bonjour, Christoph Geiser, Walter Vogt und andere. Den Höhepunkt seiner Porträttätigkeit bildete die Ausstellung «People and Portraits» im Swiss Institute in New York 1989. In weiteren Werkgruppen befasste er sich mit so unterschiedlichen Themen wie Niesen, Barock, Rosen. Sein zentrales Thema der modernen Orientalistik fand er aber 1990 nach einer Ägyptenreise, der viele weitere Aufenthalte in arabischen Ländern folgten. Er begann eine umfassende Werkreihe mit dem Titel «Ägyptenzyklus», bei der er raffiniert lineare zeichnerische Elemente mit dem wild fliessenden Malgrund verband.

Bereits im 19. Jahrhundert setzte – noch ganz dem kolonialistischen Zeitgeist verhaftet – bei vielen westlichen Malern und ihrem Publikum ein grosses Interesse an orientalischen Themen und Szenerien ein, die vorwiegend ein romantisch-verbrämtes und üppig-exotisches Bild des mysteriösen Orients abgaben, denken wir nur an den türkischen Rauchsalon von 1855 im Schloss Oberhofen. Bei den Künstlern der modernen Malerei, die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts Nordafrika besuchten, ging es dann aber weniger um das Dargestellte, sondern es war vor allem das Erlebnis der Farbe, das diese Maler nachhaltig beeinflusste und in ihrem Werk neben der einfacheren, freieren Gestaltung zu einer eindringlichen Aufhellung der Farbpalette führte. Am besten zeigt dies wohl die berühmte Tunisreise von Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet im Jahr 1914, die als kunsthistorisches Schlüsselerlebnis des 20. Jahrhunderts gilt. Später, in den dreissiger Jahren, suchten auch andere Künstler ihr Erlebnis von Licht und Farbe in der nordafrikanischen Landschaft, zum Beispiel etwa Ernst Morgenthaler.

Anders ist das Erlebnis bei Stefan Haenni, der selbstverständlich die früheren Pioniere und ihre Werke kennt. Bei ihm sind es vor allem die Motive, die Stimmung, die Gleichzeitigkeit mehrerer Szenen, die er festhalten will. Er arbeitet mit schnellen Pinselhieben und flüssiger Farbe, die durch ihre Verläufe die Spontaneität noch steigert. Es entstehen lebendige und vielseitige Bilder in intensiven Farben, wobei Rot- und Blautöne und kräftige Komplementärkontraste vorherrschen, wie zum Beispiel auf dem Bild Arabian Dream von 2003, das wir hier sehen und das auch Einladungskarte und Plakat ziert. Drei blauschwarze Reiter auf ihren Kamelen stehen scharf umrissen im Gegenlicht vor dem hellen, warmen, rot-gelben Hintergrund, der von einem intensiv blauen Rahmen locker gefasst wird. Die starke Lichtwirkung der Dreiergruppe, die gar an die heiligen Drei Könige, die Weisen aus dem Morgenland, denken lässt, wird noch durch die auffälligen, auch grafisch spannend in Erscheinung tretenden Schatten betont. Darüber legt sich in einem grösseren Massstab die helle Umrisszeichnung eines Reiters mit gekrausten Haaren auf einem stolzen Kamel.

Charakteristisch bei diesem wie auch bei den andern Bildern Haennis ist die Gestaltung des Malgrunds. Meistens wird er mit breitem Pinsel vom Bildrand gegen das Bildzentrum hin in sich überlagernde Farbfelder gegliedert. Oft bleibt in der Mitte ein hellerer Bereich offen – eine Art Fenster oder Bühne, auf dem sich das dunklere Bildgeschehen im Vordergrund abspielt.

Zunehmend setzt Haenni dann das künstlerische Mittel der Collage ein: Zeichnungen werden oft nicht mehr mit dem Pinsel übertragen, sondern direkt als Original auf die Leinwand geklebt, dann – zumindest teilweise – übermalt und ins Bildganze integriert. Dazu können auch noch Aquarelle, Ausschnitte aus Büchern und Zeitschriften, Fotografien, Siebdrucke, arabische Schriftzeichen und Ornamente kommen. Immer aufwendiger und üppiger, oder eben immer orientalischer wird Haennis Collageanteil in den neusten Bildern von 2007 und 2008. Die aufgeklebten Bildelemente agieren nicht mehr nur im Hintergrund, sondern übernehmen vermehrt eine erzählende Bildaussage und bestimmen die Bildwirkung.

Stefan Haenni nimmt in seiner Kunst die fremden Eindrücke auf, verarbeitet sie in verschiedenen Medien und setzt sie zu eigenen neuen Werken zusammen. Es ist eine intensive, aber auch spielerische Beschäftigung mit Motiven, Farben, Menschen, Situationen und Stimmungen aus mehreren orientalischen Ländern, die er registriert und in seine typischen Bilder umsetzt. Mit ihnen macht er uns hellhörig für die reiche Bilderwelt und Kultur des Ostens, die teilweise – auch das gelingt ihm zu zeigen – ebenfalls durch westliche Globalisierungstendenzen am Verschwinden sind. Haennis Bilder leben von der Zuneigung zur Welt des Orients, ohne dass sie ihre Verankerung in der westlichen Kunst verleugnen und sind so wichtige Boten der Völkerverständigung, wie sei kein anderer Schweizer Künstler in dieser Beharrlichkeit und gleichzeitigen Unbeschwertheit vorzuweisen hat.

Haenni geht bewusst auf das Abenteuer, auf das Fremde ein und erntet das Resultat dieser Begegnung in seiner wirkungs- und schwungvollen Malerei, die verschiedenste Motive in immer neuen Variationen und Techniken stilsicher und phantasievoll umsetzt. In mehreren Schichten bemalte Leinwände mit Collagen und Siebdruckelementen sowie raffiniert gesetzte Überblendungen und immer wieder zitierte Bildfragmente kreieren sowohl einen einheitlichen künstlerischen Stil als auch einen anregend weiten Spielraum für Faszination und Interpretation, wie dies hier an unserer Ausstellung bestens nachvollzogen werden kann.

Buchpräsentation

Dann habe ich die grosse Freude, Ihnen heute unser brandneues Buch zu präsentieren. Es ist gestern, gerade noch rechtzeitig, fertig geworden, frisch ab Presse sozusagen. In der reich illustrierten Monografie wird das vielfältige künstlerische Schaffen von Stefan Haenni vorgestellt, und viele der Bilder unserer Ausstellung sind abgebildet. Auf Wunsch wird Ihnen anschliessend der Künstler Ihr Exemplar signieren. Es ist auch eine Vorzugsausgabe mit Lithografien erhältlich.

«Ex oriente lux». Das geflügelte Wort, das wörtlich «aus dem Osten (kommt) das Licht» bedeutet, bezeichnete im römischen Reich ursprünglich den Sonnenaufgang, in späteren Zeiten dann das Christentum, das mit seinem Licht der Erleuchtung für den Westeuropäer aus dem Orient kam. In der europäischen Klassik wurde dieser Anspruch noch umfassender so gedeutet, dass menschliche Kultur und Zivilisation überhaupt ursprünglich aus dem Osten kommen. So hat es auch der Dichter Johann Wolfgang von Goethe gesehen, der vor beinahe 200 Jahren mit seiner Gedichtsammlung West-östlicher Divan (erschienen 1819) sein idealistisch friedliches Ost-West-Zusammengehen propagierte, dem nun – selbstverständlich im Wissen um die politische Unmöglichkeit – der Künstler Stefan Haenni seine Vision hinzufügt. Wolfgang Pross befasst sich in seinem Beitrag mit dem Goetheschen Divan und seiner heutigen künstlerischen Umsetzung, und Andreas Langenbacher zeigt auf, wie sich in Haennis Bildern Einbildungskraft mit Wirklichkeit, Eigenes mit Fremdem verweben, durchaus inspiriert von der orientalischen Kompositionsweise von Goethes Versen. Der Schriftsteller Christoph Geiser verweist auf die Stimmung von Haennis Bildern mit ihren Zeichen und dem Rätselhaften, das sie bezeichnen; er sieht in der Stilisierung das Verschwinden des Körperlichen: Von den Gesichtern zum Gesicht.

In meinem Beitrag liegt mir daran, die künstlerische Entwicklung Stefan Haennis aufzuzeigen, seinen Einflüssen und Motiven sowie der Wirkung seiner mehrschichtigen Bilder nachzugehen, die durch ihre systematisch dosierte Gegenständlichkeit und ihre gezielt eingesetzte Ornamentik von grosser Aktualität sind. Das verdienstvolle, durchgehend bebilderte Werkverzeichnis im Anhang dieser Monografie erlaubt einen Überblick über das Schaffen des Berner Künstlers; es wird zusätzlich durch kommentierte biografische Ereignisse und Bezüge zum Werk ergänzt.

Steffan Biffiger, Kunsthistoriker, Präsident Kulturkommission Steffisburg

© S. Biffiger, Kunst&Buch, Wohlen b. Bern (www.kunstundbuch.ch)