Geschichte
Text zur Sammlungsausstellung in der Villa Schüpbach 1991
Vorwort
Mit grosser Freude gratuliere ich der Kunstkommission Steffisburg zum 20-jährigen Bestehen der Kunstsammlung. Ich darf dies mit Stolz und ohne Überheblichkeit tun, da ich weder am Zustandekommen der Jubiläumsausstellung noch am Aufbau der mittlerweile beträchtlich gewordenen Kunstsammlung persönliche Verdienste habe. Um so mehr gebührt mein Dank denjenigen, die es mit grossem Einsatz und vertiefter Sachkenntnis verstanden haben, nebst dem Aufbau der Sammlung auch die regelmässig stattfindenden Kunstausstellungen weit über unsere Region hinaus bekannt und zum viel beachteten kulturellen Anlass zu machen. Zwei Persönlichkeiten, die seit dem Bestehen der Steffisburger Kunstkommission bis zum heutigen Tage massgebend am Erfolg mitgearbeitet haben, verdienen es, hier namentlich erwähnt zu werden. Die Präsidentin, Rosmarie Krähenbühl, und der Sekretär, Gemeindeschreiber Hans Ulrich Schmid, haben zusammen mit ihren Mitarbeitern einmal mehr erreicht, dass uns auch die Jubiläumsausstellung echten Kunstgenuss zu bereiten vermag. Obschon im Rahmen dieser Ausstellung nur etwa ein Zehntel unserer Kunstsammlung gezeigt werden kann, geben die ausgestellten Werke einen ausgewogenen Querschnitt durch den in den zwanzig Jahren sorgsam zusammengetragenen Kunstbesitz. Viele Werke finden oft unbewusst Beachtung dadurch, dass sie in öffentlichen Gebäuden der Schule und der Verwaltung, aber auch in Heimen als künstlerischer Schmuck zu bewundern sind. Auf diese Weise und durch die mannigfaltigen Tätigkeiten der Kunstkommission trägt lebendige Kunst wesentlich zur kulturellen Vielfalt unserer Gemeinde bei. Dieser Beitrag ist umso wichtiger in einer Zeit, da materielle Sorgen überhand zu nehmen drohen und wir Gefahr laufen, zu vergessen, dass es auch noch andere Werte zu erhalten gilt. Freuen wir uns an den ausgestellten Werken und lassen wir uns von den vielfältigen Ausdrücken beeindrucken.
Hans Rudolf Feller
Gemeindepräsident 1991
Zum Geleit
Gross war der Nachholbedarf an Bauwerken aller Art, den die Gemeinde nach dem Kriege zu befriedigen hatte. Und gross war auch das Bedürfnis, die architektonische Funktionalität und Prosa durch Kunst am Bau und im Bau aufzuwerten. Aber wie, wo und durch wen? Der Grosse Gemeinderat war nicht unbedingt das bestgeeignete Forum, um die Details einer Brunnenplastik festzulegen. Übrigens: Wäre es nicht auch eine sinnvolle Gemeindeaufgabe, die Kunst und das Kunstverständnis in Steffisburg ganz allgemein zu fördern? Solcherart waren die Überlegungen, die den Gemeinderat 1971 bewogen, unsere Kunstkommission zu schaffen. Mit viel Elan und Enthusiasmus gingen wir ans Werk – und sind wir auch heute noch tätig. Die erste Aufgabe war die Erarbeitung unserer Zielsetzungen, die der Gemeinderat genehmigte; sie bestimmen unser Handeln bis heute und lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Die Inventarisierung des bereits vorhandenen Materials zeigte uns, dass schon Generationen vor uns wertvolle Stücke zusammengetragen hatten. Exakte Auflistung aller seitherigen Erwerbungen ist uns ein ständiges Anliegen, damit die Übersicht über das wachsende Kunstgut und dessen sorgsame Pflege gewährleistet sind.
Der Aufbau einer eigenen Sammlung gehört zu unsern zentralen Aufgaben. Er wurde uns entscheidend erleichtert durch grosszügige Schenkungen, die uns schon bald zugewendet wurden. Erwähnt seien die Schenkung Schüpbach, die Keramiksammlung Bähler-Frank und die besonders umfangreiche Sammlung Robert Schär mit über 250 Werken. Der grosse Erfolg ihrer Ausstellung erlaubte den Eheleuten Prof. Walter Hadorn die Äufnung eines Fonds, der uns überlassen wurde und dank welchem wir u.a. die Sammlung Dr. Moor mit 22 Neuhaus-Bildern und den Nachlass Erich Wendelstein erwerben konnten. Die Erben Surbek schenkten uns dazu eine Mappe mit 75 Radierungen Wendelsteins nebst einem von Victor Surbek gemalten Porträt des jung verstorbenen Künstlers. Einen markanten Akzent setzte auch Hans Walters Schenkung von 71 Werken seines verstorbenen Freundes Hans Gerber. Auf diesem Grundstock aufbauend, ist es unser Bestreben, Kunst zu sammeln, die mit Steffisburg eine Beziehung hat. Wir erwerben deshalb vorab Werke von Künstlern, die hier ansässig oder die in anderer Weise mit Steffisburg verbunden sind. Kunst ist indessen nicht an Grenzen gebunden, schon gar nicht an Gemeindegrenzen. Deshalb befinden sich in unserer Sammlung auch Werke vor allem zeitgenössischer Künstler, deren Ausstrahlung weit über das Regionale hinausgeht.
Der dritte Eckpfeiler unserer Tätigkeit ist die regelmässige Durchführung unserer Ausstellungen in der Villa Schüpbach. Mehr noch als in unserer Sammlung versuchen wir in unseren Ausstellungen, einen möglichst weiten Bogen über die Region hinaus zu spannen. Natürlich ist es uns ein Hauptanliegen, Künstlern eine Plattform zu bieten, die unter uns leben oder sonst näher mit Steffisburg verbunden sind. Aber ebenso wichtig scheint uns, ohne Rücksicht auf regionale Schranken Kunstwerke auszustellen, die wir als allgemein gültigen Ausdruck heutigen Kunstschaffens ansehen. Wir möchten damit zur Auseinandersetzung anregen.
Schliesslich gewähren wir von Zeit zu Zeit auch Hobby-Künstlern Gastrecht. Die beiden bisherigen Ausstellungen zeigten uns, dass unerhört viel positives Suchen und Bemühen im Stillen wirkt. Die Kunstkommission Steffisburg sieht auch nach 20 Jahren überall Herausforderungen und Aufgaben, denen sich zu stellen sie bereit ist. Mit Freude legt sie heute ein Verzeichnis von rund 1200 der Gemeinde gehörenden Kunstwerken vor, und viele Ausstellungen trugen Steffisburgs Namen in die ganze Schweiz. Die Jubiläumsausstellung nach 20 Jahren bedeutet nur einen kurzen Marschhalt auf dem Weg, der unbeirrt in die Zukunft führt.
Rosmarie Krähenbühl
Präsidentin der Kunstkommission 1991
20 Jahre Kunstkommission Steffisburg. Eine Chronik
Im Vergleich mit 800 Jahren Bern und 700 Jahren Eidgenossenschaft sind 20 Jahre Kunstkommission Steffisburg nur eine winzige Spanne Zeit. Dennoch zeichnet sich ein Stück Kunst- und Kulturgeschichte in diesen zwei Dezennien ab, wobei dem wohltemperierten Schaffen der älteren Generation der breitere Raum zugestanden wurde als dem jugendlichen Experiment oder den neuesten Strömungen.
Im Verwaltungsbericht der Gemeinde 1971 finden sich die Namen der Gründungskommission, deren zwei – die Präsidentin und der Sekretär – noch heute aktiv sind und unseren besonderen Glückwunsch verdienen. Damals waren es Fritz Iseli als erster Präsident, Hans Thöni als sein Stellvertreter, Therese Bauert, Rosmarie Krähenbühl, Robert Schär und Hans UIrich Schmid. Fritz Iseli ist am 2. Juli dieses Jahres, 84-jährig, leider abberufen worden. Wir vermissen ihn, er hat seit Beginn während sieben Jahren das gute Klima des Gremiums und den Gang der Dinge bestimmt, die heute grosse, damals noch kleine Sammlung geäufnet. Wir gedenken seiner in Dankbarkeit. Robert Schär starb schon nach zwei Jahren, auch Hans Thöni, der bis 1977 blieb und uns oft musikalisch bereicherte, ist seither von uns gegangen, desgleichen 1983 der technisch hilfreiche Fritz von Känel, der 1973 Frau Bauert ersetzt hatte. Auf ihn kam Martin Jampen, hernach Marianne Schenk. Dr. med. Hans Suter war Robert Schär nachgefolgt und hatte von 1978 bis 1987 sein überaus ergiebiges Präsidium inne. Nach seinem Wegzug nach Fahrni übernahm Frau Krähenbühl das Steuer, das sie initiativ in klugen Händen hält. Auf Hans Thöni folgte Frau Dr. Ruth Bietenhard und belebte die Kommission durch ein Jahrzehnt, anno 1990 auch mit der Buchpräsentation des Alten Testaments Bärndütsch mit Bibelillustrationen von François Bossard. Gabi Reusser löste sie 1987 ab.
Dr. Hansueli Brügger wirkte von 1979 bis 1982 mit, ihn ersetzte Marcus Andreas Sartorius, nunmehriger Vizepräsident. Für Dr. Hans Suter rückte Steffan Biffiger nach, der als Kunsthistoriker und kundiger Lektor die Präsidentin tatkräftig unterstützt.
Die zwei ersten Ausstellungen fanden noch im Schönau-Schulhaus statt, die allererste galt 13 Künstlern in oder aus Steffisburg. Der Sprechende durfte sie am 2. Juli 1971 mit einer Charakterisierung des «Kunstschaffens heute» eröffnen, das Daxelhofquartett spielte und begründete damit die Tradition der musikalischen Umrahmung der stets gut besuchten Vernissagen. Damit war das Schiff in Gang gebracht, «vogue la galère», die Hälfte der 63 Werke wurde verkauft, eine private Geldschenkung ermöglichte der Gemeinde Mittel zur Anschaffung von Wandschmuck. Gleich kam mit dem Legat Esther Schüpbach, einer Sammlung von Stichen und Ölgemälden, die erste Erbschaft, sie wurde als zweite Ausstellung im Sommer 1973 noch in der Schönau gezeigt. Die künstlerische Ausschmückung der neuen Schulhäuser beschäftigte die Kommission und gipfelte in Aufträgen an Robert Schär, Roman Tschabold und Werner Thormeier sowie an Gottfried Tritten und Fritz Gottardi.
Unter den 13 Künstlern der ersten Ausstellung befand sich als einer der hier eher seltenen Abstrakten der in Buchillon lebende Steffisburger Bildhauer und Collagist Hans Gerber, nach dessen Tod sein Lebenskamerad, der Schriftsteller Hans Walter, unter zwei Malen 1988 und 1991 der Kunstkommission rund 70 Collagen, Zeichnungen und Bronzen zuwandte, eine andere Gruppe an das Kunstmuseum Thun: Leuchtende Beispiele der Freundestreue über den Tod hinaus und hier gebührend zu verdanken.
Man hatte, um vom Schönau-Provisorium weg zu einer bleibenden Stätte zu finden, erst das Höchhus erwogen, kam aber auf die glückliche Lösung der burgerlichen Villa Schüpbach, in der die Parterre- und Kellerräume dafür renoviert wurden, später gesellte sich der günstigere Zugang von Westen statt von Osten dazu. Die unverwechselbare Ambiance des viktorianischen Hauses mit Park hat sowohl bei den Künstlern wie bei den Kunstfreunden dankbare Zustimmung gefunden.
Die erste Ausstellung darin galt 1975 billigerweise dem am 5. Februar 1973 verstorbenen Nestor, dem Steffisburger Maler Robert Schär. Schon acht Monate nach seinem Hinschied durfte die Gemeinde von den Kindern Max Schär und Maria Chrysomalis-Schär durch Schenkung mehr als 250 Kunstwerke, darunter ein Glasgemälde, entgegennehmen. Geboren 1894, bleibt Robert Schär für die Steffisburger vor allem der Schöpfer der Farbenfenster in der Dorfkirche und im Sonnenfeld sowie in der Abdankungshalle. In der Glasmalerei wird seine Auseinandersetzung mit Abstraktion und Kubismus deutlich, wobei er wie in seinen Gemälden figurativ und gegenständlich blieb. Schon seine Wahl des fortschrittlichsten Architekten der Region, Arnold Itten, für seinen Haus- und Atelierbau in den zwanziger Jahren am Kirchbühl hatte seine Aufgeschlossenheit dargetan.
Eine dritte Schenkung, die schon im ersten Jahresbericht genannt wird, verdient Erwähnung; es ist das Legat der Keramiksammlung Bähler-Frank, die das so wichtige einheimische Töpferkunsthandwerk vertritt; sie wurde 1979 mit alter und neuer hiesiger Töpferei anderer Herkunft und mit Kleinmeistern aus dem Berner Kunstmuseum ausgestellt.
Im Schüpbachhaus gab es nun durchschnittlich drei Ausstellungen im Jahr. Zu nennen sind da zunächst zwei weitere Gruppenausstellungen von Steffisburger Künstlern, die erste, gleichfalls 1979, von 17 und 1988 von 23 Ausstellern, dazwischen 1982 von 12 Künstlerinnen; sie waren aufschlussreich, weil sie bisher nicht gesehene Talente und Vorstösse ins Ungegenständliche und Experimentelle zutage brachten; im Jahr zuvor auch die Hobby-Künstler.
In den 20 Jahren Kunstkommission wurden sodann über 40 Künstler in Einzel- und Doppelausstellungen gezeigt, oft zur runden Wiederkehr von Geburts- oder Todesjahr. Ihrer 17 stammten noch aus dem letzten Jahrhundert, von der Blumenmalerin Emilie Ziegler, geboren 1826, bis zum Jurassier Albert Schnyder von 1898. Ferdinand Hodler, geboren 1853, lebte als Jugendlicher, 13- bis 15-jährig, in unserem Dorf, war Schüler des Souvenirmalers oder soll man sagen -fabrikanten Ferdinand Sommer, bei dem er aus schweren Anfängen mit vielen menschlichen Verlusten seinen von Genie und Willen geprägten Aufstieg zum grössten Schweizer Maler begann. Die Gegenüberstellung seiner frühesten Werke mit solchen von Sommer wie mit späteren Werken von Hodler, der immer wieder zum Thunersee zurückkehrte, bleibt eine unvergessliche Erinnerung an das Steffisburger Jubiläumsjahr 1983; in einer von Jura Brüschweiler verfassten Hodler-Monographie lebt sie fort. Vorgängig wurde mit einer Ausstellung auch Martha Stettler (geb. 1870) geehrt, die in Paris schaffende Leiterin der Academie de la grande Chaumière, wo fast jeder junge Schweizer Künstler von damals debütierte, so Martin Lauterburg, Otto Tschumi, Meret Oppenheim und Alberto Giacometti; allsommerlich verbrachte sie einen Teil ihres Urlaubs im elterlichen Ortbühl in Steffisburg. Ihre lichterfüllten Kinderszenen im Jardin du Luxembourg waren vielen Besuchern ein überraschendes Erlebnis. Karl Stauffer-Bern (geb. 1857) besitzt durch seine Schwester Amelie Krähenbühl gleichfalls Verbindung mit Steffisburg. Er kam 1978 hier zu Wort mit Porträts, seinen vorzüglichen Radierungen sowie dem Denkmalsentwurf zum Bubenberg, der 1958 auf der Spiezer Schlossterrasse enthüllt worden ist, gestiftet von der Gottfried KeIler-Stiftung, die Lydia Welti-Escher nach Stauffers frühem Ende, im Grunde zu seinem Andenken, 1891 errichtet hatte, kurz bevor sie selber aus dem Leben schied.
Weitere im letzten Jahrhundert gebürtige, hier gültig Ausgestellte sind zu nennen. Victor Surbek und Marguerite Frey-Surbek: Er der herbe Darsteller unserer Berg- und Seenwelt mit arkadischen Zügen, sie von Paul Klee auf sich selber gewiesen, weiblich und genuin; Hanni Bay, die einst als zeichnende Bildjournalistin überaus bekannte herzhafte Malerin; Hans A. Daepp aus Bönigen, Landschafter von französischer Malkultur, Kollege von Wilhelm Gimmi und Paul Basilius Barth; Ernst Morgenthaler mit seinem vorwiegend im Thuner Kunstmuseum aufbewahrten Früh- und Spätwerk, Schüler Cuno Amiets und Freund Hermann Hesses, mit beschwingtem Pinselstrich poetische Akzente setzend, er schrieb von sich: «Malen heisst Ordnung schaffen, eine kleine Welt erzeugen, in der sich alles einem Willen in Harmonie unterordnet.» Paul Gmünder, der liebenswerte Realist mit romantischem Einschlag, der über 50 Jahre zum Thuner Stadtbild gehörte; Paul Mathey in Cartigny bei Genf, Landschaften- und Stilllebenmaler von zarter, verletzlicher Frische; eines seiner spätesten, mit letzter Kraft direkt aus der Tube gedrückten Blumenstücke überschrieb er: «Hommage a Eug. Delacroix.» Daneben die Gattin Claire-Lise Monnier, Zirkusliebhaberin, Mystikerin in figurativer Traumwelt. Prof. Eduard Imhof, der aus Fahrni stammende Bergsteiger und Weltwanderer, Schöpfer zahlreicher Atlanten, Schulwandkarten, Reliefs und der Landeskarte 1:25'000, ein Künstler, der als Wissenschafter auf der Höhe seiner Zeit unserem Land zu Weltruhm auf kartographischem Gebiet verhalf. Seine hiesige Ausstellung von 1985 bleibt uns dank der von Hans Suter initiierten Festschrift zum 90. Geburtstag überliefert.
Es folgt Werner Neuhaus, der früh Abberufene, zweimal in der Villa Schüpbach ausgestellt und mit reichem Nachlass aus der expressionistischen Frühzeit und der ländlich abgeklärten Reifezeit darin heimisch; dann Albert Schnyder aus Delsberg, der weitum verehrte Maler des Jura, der ernste Landschaften, Häuser, Menschen in seine Bildflächen wie von Email bannte. Sein Bewunderer war der letzte unserer Maler aus dem vorigen Jahrhundert, der grosse Arzt, Diagnostiker, Lehrer und passionierte Kunstsammler Walter Hadorn, dessen Mutter aus der Villa Schüpbach stammte und der steter Anreger und finanzieller Förderer unserer Kunstsammlung war. Mit Recht widmete diese ihm und seiner gleichfalls malenden Gattin Gertrud eine erfrischende Aquarell-Ausstellung im Jahre 1980. Von nun an registriert der Chronist die Geburtsjahre im 20. Jahrhundert. Noch dem Jahre 1900 gehört Roman Tschabold an, der seinen Neunzigsten nicht mehr erleben durfte. Nach einer Töpferlehre als erstem hier besonders legitimen Schritt ins Reich der Kunst und Malstudium in Dresden, wo die expressionistische «Brücke» und Kokoschka wirkten, nach Reisen in Nord und Süd baute er sich überm Sonnenrain sein Haus und blieb Steffisburg lebenslang treu. Behutsam schuf er sich auch seine eigene Bildsprache, idolhafte Mädchenköpfe und -gestalten, Harlekine von leiser Melancholie, stille Landschaften gegen Westen: dreimal sah man das Werk im Schüpbachhaus. Seine Palette war ohne Fehl, er verfolgte die künstlerische Entwicklung seiner Epoche und konnte sie im Gespräch, das er so gerne pflegte, auch formulieren, in letzter Zeit allerdings nicht ohne Resignation, zu gross schien ihm «die Distanz zwischen Erreichbarem und Erträumtem» geworden.
Im Jahre 1901 kam Etienne Clare in Paris zur Welt. Ateliergenosse von Paul Gmünder und Knud Jacobsen in Thun, war er Holzschneider von evokativer Sicherheit und seinen Mitmenschen hilfsbereiter Kollege. Der Graphik obersten Ranges gehört auch der 1909 geborene Hans Fischer-Fis an, dessen Kinderbücher «Die Bremer Stadtmusikanten», «Der Geburtstag» und «Pitschi» weltweite Aufnahme fanden. Seinem Spieltrieb, seiner Tierliebe, seiner unerschöpflichen Phantasie begegnete er mit ebenbürtigem zeichnerischem Können. Er wurde nicht fünfzigjährig; zur Ausstellung im Jahre, da er achtzig geworden wäre, gab die Kunstkommission im Zytglogge-Verlag sein bezauberndes «Du bist nicht bei Trost-Büchlein» heraus. Nur achtundzwanzigjährig wurde Erich Wendelstein, der 1942 in den Bergen Verschollene, von dem Victor Surbek zeitlebens anerkennend sprach, mit ihm und dessen Kreis war er befreundet. Der Biograph Rene Neuenschwander schrieb von ihm: «Unter der besonnten Oberfläche wirken die dunklen Gewalten, die wir vielerorts im Werk Wendelsteins erfühlen». Die Kunstkommission erwarb 1985 seinen umfangreichen Nachlass, was einen grossen Glücksfall bedeutete; zusammen mit Werner Neuhaus, einem anderen Sammlungspfeiler, wurde er im Frühling 1988 hier ausgestellt.
Im siebzigjährigen Henry Roulet durften wir 1985, vom Berner Arzt Peter Friedli an die Hand genommen, den im Wallis wohnhaften Genfer Malerpoeten kennenlernen, dessen intime Szenen von sonoren Grundtönen getragen sind, gleichsam ein anekdotischer jüngerer Verwandter von Rene Auberjonois. In Walter Linsenmaier, geb. 1917, fanden wir einen Insektenforscher und Naturbetrachter von Rang in akribischen Zeichnungen; der Verfasser auflagenstarker Handbücher wurde während der Ausstellung 1982 Ehrendoktor der Universität Bern. In Steffisburg war er Partner der Blumenmalerinnen Emilie Ziegler und Anne-Marie Trechslin. Der 1928 geborene Knud Jacobsen kam 1981 zusammen mit den verstorbenen Etienne Clare und Felix Hoffmann sowie sechs weiteren als Holzschneider und Aquarellisten tätigen, zum Teil in Thun aufgewachsenen Künstlern zu Wort. Jacobsens monumental umgesetzte Holzschnitte von Thun haften im Gedächtnis.
Bendicht Friedli, geb. 1930, hat sich durch den Verzicht auf seine Arztpraxis für die Ausübung seiner Kunst freigemacht, er hatte 1984 hier seine Ausstellung. Zeichner von unübertrefflicher Ökonomie – man denke an seine Katzen – überrascht er uns fast jährlich mit seinen farbigen Experimenten, die die uns vertraute Brienzer- und Thunerseelandschaft, Niesen und Stockhornkette so wohltuend verfremden, als sähen wir sie neu. Er macht uns bei der Betrachtung seiner neuen Bilder jedesmal schon auf die nächsten gespannt. Zwei Jahre jünger ist der Berner Paul Freiburghaus, hier zwei Jahre nach Friedli gezeigt; er malt, radiert und formt in Oberdiessbach, grosszügig in Format und Pinsel, Vegetatives, Blühendes, Leuchtendes. Er besitzt die Handpresse von Fritz Pauli, mit dem er befreundet war, lernte von Fred Stauffer und in Paris bei Bildhauer Ossip Zadkine; zufällig traf ich diesen im Flugzeug während dessen Zürcher Ausstellung, die ich ihm rühmte, er sagte heiter: «N'est-ce pas, c'est comme une foret!» Das könnte auch für die Bilder von Freiburghaus gelten. Dieser brachte an seine Ausstellung auch Skulpturen des 1903 geborenen Paul Roth, des gediegenen Bildhauers in der Überlieferung von CharIes Despiau.
Fritz Gottardi, Altersgenosse von Freiburghaus, ist ein ganz auf die Architektur bezogener Bildhauer; im Töpfereizentrum Deruta bei Perugia geschult, variiert und wiederholt er geometrische Grundformen und gestaltet in Beton, Keramik, Holz, Stein wohlproportionierte Reliefs, Wegmarken und Wände. Mit ihm stellten 1990 Patricia Meyer ihre «Artifacts of aburied culture» mit Bezug auf die heutigen Probleme von Müll und Kehricht sowie der hier bisher unbekannte Paolo Pola aus.
Im gleichen Jahr bot der Steffisburger Burger Peter Rüfenacht, geb. 1935, vormals Lehrer an der Zürcher Schule für Gestaltung, nun im Toggenburg und in Finnland lebend, die anregende Ausstellung «Ein Burger und seine Sippe», in der er mit 15 Verwandten aus vier Generationen die bildnerische Kreativität innerhalb einer Familie vermittelte.
Im Simmentaler Peter Bergmann, geb. 1937, offenbarte sich 1987 ein Fünfziger, der aus der Liebe zu Landschaft, Pflanze, Stein, Tier und Mensch das, was ihn im Weiten, Nahen und ganz Nahen umgibt, nachschaffen und zugleich bewahren will, im Sinn von Voltaires Candide: «Mais il faut cultiver notre jardin», er hat es auf dem Oeyboden bei Lauenen in seinem Berggarten mit 160 Pflanzenarten wörtlich realisiert.
Regula Hadorn, 1945 geboren, ist wie Freiburghaus in Oberdiessbach zu Hause, eine Malerin, die mit Wagemut und Gelingen sowohl abstrakt als figurativ ganz ihr eigene Gesichte visualisiert, in Acryl- und Pastellfarben unter Verwendung von Collage, eine innovative Künstlerin von heute und hier.
Aus dem Domleschg holte Hans Suter den Maler Robert Indermaur, geb. 1947; in weite graue Räume setzt dieser, satirisch, manchmal mahnend bitter, auf Varlins Spuren die äussere Wirklichkeit kritisch hinterfragend, seine treffsicher gegebenen Figuren.
In der Emmentalerin Nell Graber-Kirchhofer von 1949, hier am Homberg wohnhaft, besitzen wir eine grosse Zeichnerin von fast bestürzender Wahrhaftigkeit; ihre mit Graphitstift erarbeiteten Illustrationen, vor zwei Jahren zugleich mit Regula Hadorn gezeigt, wurden 1987 verdientermassen mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis gekrönt.
In Steffisburg selbst ist der 1953 geborene Jakob Jenzer tätig, der jedes Abbild mit starker Phantasie so umgestaltet, dass es uns nachhaltig beschäftigt, sei es auf Zeichnungen, für die er gerne vier grosse Büttenbogen zusammenfügt, sei es in grossformatigen Acrylbildern.
Wir kommen zum Jubiläumsjahr. Mit dem Benjamin der Künstlerfolge im Schüpbachhaus, dem 1957 geborenen Michael von Graffenried, wurde der Schwesterkunst Photographie der schuldige Tribut gezollt, wie schon 1986 mit Mario Tschabolds untadeligen Lichtbildern und 1990 mit Jürg Bays Architekturlandschaften, Andreas Nyffeneggers Objets trouves in Cibachrome und Christine Blasers «Alltagsbildern», auf Fotoleinwand vergrössert, nachträglich mit Acrylfarbe und Kreide teilweise übermalt. Graffenrieds «Swiss People», auch in einem kleinen Sammelband festgehalten, bringt Bild für Bild eine geistreiche Pointe, die sich erst beim zweiten Hinschauen voll kundtut.
Die letzte Ausstellung vor der nunmehrigen Jubiläumsschau aus Beständen der Steffisburger Kunstsammlung war Werner Hartmann vorbehalten, dem lange in Paris tätigen Luzerner von 1903, der exemplarisch für die in diesen 20 Jahren von der Kunstkommission eingehaltene Leitlinie steht, dieselbe, die auch in der von Beginn an praktizierten Edition der Graphikblätter wohl fast aller hiesigen Künstler, ja noch auf den Umschlagbildern der kommunalen Verwaltungsberichte Jahr für Jahr wirksam war.
Vor 20 Jahren, in der Eröffnungsrede zur ersten Ausstellung, die 13 Steffisburgern gewidmet war, hatte ich von den immer schneller wechselnden Gezeiten im Kunstablauf gesprochen: das Kriterium des Künstlers sei nicht eine Richtung, sondern die Intensität, mit der er die Welt begreife und ihre zukunfthaltigen Kräfte verbildliche. Dem Grad der Intensität entspreche die Qualität. Harald Szeemanns Ausstellung «When Attitudes become form» in der Berner Kunsthalle 1969 hatte uns damals kurz zuvor die Absage an die überlieferte Ästhetik bewusst gemacht. Op- und Pop-Art, Konzeptkunst, Minimal Art, Fluxus und Happenings, Arte povera, Land Art, Objektkunst, Hyperrealismus, Computer- und Videokunst, alles zog und zieht an unseren staunenden Augen vorüber. Kubistische und Kandinskys erste abstrakte Gemälde, diese echten künstlerischen Revolutionen, sind längstens Klassiker geworden. Wie nie ist die Kunst durch die Reproduktionstechnik und die Medien millionenfach verbreitet, sind die Preise für die Etablierten ins Unzugängliche gestiegen. Tausende üben sich in Kreativität, Joseph Beuys verkündete, dass jeder ein Künstler sei. Ein Verzeichnis der aktiven Künstler in der Schweiz von 1980 bis 1990, jeder als solcher ausgewiesen, erreicht die Zahl 4818.
Ein einziger von diesen vielen sei hier stellvertretend mit Namen genannt, weil sein Schaffen mir exemplarisch vorkommt, ein noch jüngerer Künstler aus Sent, der ausser im Unterengadin in New York und in Lucca arbeitet, sich in den letzten Jahren als Maler wie als Bildhauer international durchgesetzt und in diesem Herbst zusammen mit Sol LeWitt und Barnett Newman in Chur ausgestellt hat. Er heisst Not Vital und wurde von Max Huggler entdeckt und gefördert. Sein Werk greift motivisch in die mythische Vorzeit des Sammlers und Jägers, auf Urbildhaftes zurück und leistet einen ganz eigenen und persönlichen Beitrag, der uns – und er ist nicht allein – zuversichtlich stimmt. Das Schaffen und Forschen geht allenthalben weiter, die Gefährdung unseres Planeten gibt dazu den Grundton.
Zum Schluss danke ich der Kunstkommission Steffisburg, dem Sekretär, den Mitgliedern, der einsatzfreudigen Präsidentin für ihre Leistungen, für die Bilanz auch, die sich uns in der Jubiläumsausstellung bietet, und wünsche ihr ein erspriessliches neues Jahrzehnt.
Michael Stettler, Ortbühl, Steffisburg
Ehemaliger Direktor
des Historischen Museums Bern
und der Abbegg-Stiftung in Riggisberg
